Kunst macht Schule
Ein Plädoyer für Kultur im Klassenzimmer und darüber hinaus
Die Vermittlung zwischen Kultur und Gesellschaft ist ein zentrales Anliegen jeder Kulturpolitik, die den Schutz und die Förderung der Künste nicht nur als hehren Selbstzweck begreift. Gleichzeitig geht die Forderung nach kultureller Bildung weit über das Feld der Kulturpolitik hinaus. Sie muss vor allem in der gesamtgesellschaftlichen Debatte um eine umfassende Bildungsreform Niederschlag finden. Dass insbesondere das deutsche Schulsystem in vieler Hinsicht dringend der Erneuerung bedarf, ist mittlerweile unumstritten. Mit dem Ruf nach kultureller Bildung als integralem Bestandteil eines modernen Bildungsbegriffs geht die Frage einher, was sie im Rahmen eines zeitgemäßen schulischen Angebotes leisten kann und leisten soll.
Stichwort Ganzheitliche Bildung
Ein Schulunterricht, der sich auf die Vermittlung von Faktenwissen beschränkt, hinkt der gesellschaftlichen Entwicklung meilenweit hinterher. Globalisierung, Individualisierung, Multikulturalität, Multimedialität – nur einige Stichworte, die eine Ahnung von den komplexen Herausforderungen geben, denen sich die junge Generation stellen muss. Theoretisches und beruflich unmittelbar verwertbares Wissen reicht nicht aus, um unsere Kinder fit für die Zukunft zu machen. Pisa und die nachfolgenden Studien haben ausschließlich auf die Überprüfung der kognitiven Fähigkeiten Augenmerk gelegt. Das jedoch greift zu kurz. Ein zeitgemäßer, ganzheitlicher Bildungsbegriff setzt neben kognitiven Kompetenzen auf die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen: Soziale Kompetenz, selbständiges Denken, selbstbewusstes Handeln, Urteilskraft, Kreativität, interkulturelle Kommunikationsfähigkeit. Die frühe Beschäftigung mit den Künsten jedoch – nicht nur als passiver Konsument, sondern auch durch Anleitung und Anregung zum kreativen Selbermachen – fordert und trainiert diese Fähigkeiten erwiesenermaßen. Das ästhetische Erleben und Erfahren – insbesondere in der Gruppe - fördert die ebenso spielerische wie kritische Auseinandersetzung mit Fremdbild und Selbstbild. Ästhetische Erfahrung führt zu Sinn und Sinnlichkeit, stärkt den Eigen-Sinn, die Wahrnehmungs- und Kritikfähigkeit. Für die Musik ist inzwischen durch Langzeitstudien nachgewiesen, dass sie auch die Intelligenz fördert.
Stichwort Chancengleichheit
Kunst und Kultur sind Teil unserer Geschichte, unserer Tradition und unseres Selbstverständnisses. Sie sind ein konstitutives Element dieser Gesellschaft. Kulturelles Verständnis, kulturelle Kenntnisse und ein souveräner Umgang mit Kunst und Kultur sind somit unerlässlich, um selbstbewusst und aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft mitzuwirken. Die Vermittlung dieser Fähigkeiten liegt bisher fast ausschließlich in den Elternhäusern. Die Folge: Der Anteil an Menschen aus unteren sozialen Milieus und/oder mit Migrationshintergrund am Publikum unserer zahlreichen Kulturinstitutionen geht gegen null.
Eine Schule, die schichtspezifische Chancenungleichheit nicht zementieren, sondern ausgleichen will, muss daher für die Vermittlung, für Verständnis und für Zugang zu den Künsten Sorge tragen. Frühzeitiger Kontakt mit Kultur ist für alle Kinder wichtig, unerlässlich jedoch ist er dort, wo er nicht durch das Elternhaus gewährleistet werden kann. Das heißt nicht, dass wir eine Generation von glühenden Wagner- Anhängern heranziehen sollen. Wohl aber, dass im Sinne von sozialer Teilhabe alle Kinder mit dem notwenigen Rüstzeug ausgestattet werden, um souverän und selbstbestimmt am kulturellen Reichtum unseres Landes zu partizipieren.
Chancengleichheit in der Schule heißt aber auch: Alle Begabungen fördern.
Musische und kreative Talente im Schulunterricht weiter zurückzufahren, wie es derzeit geschieht, heißt nichts anderes, als die Masse der SchülerInnen von vornherein einer exemplarischen Ungerechtigkeit aussetzen, weil sie nur einen Teil ihrer Talente entfalten können, während andere Entwicklungspotentiale verkümmern und unaufgeweckt für sie selbst und die Gesellschaft nutzlos bleiben.
Stichwort Lebensqualität
Die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur von früh an dient auch der individuellen Lebensqualität. Zugang zu kultureller Bildung ist eine zentrale Voraussetzung für die Entwicklung einer autonomen, selbstbestimmten Persönlichkeit. Ästhetisches Verständnis ist der Schlüssel zu individuellem Kunstgenuss, die Beschäftigung mit künstlerischen Ausdrucksformen schult Emotionalität und Empathie. Wer früh gelernt hat, ohne Berührungsängste, mit Neugier und Spaß Kunst zu erleben, dem steht ein ganzes Universum offen, das ihm ansonsten verschlossen bliebe. Johannes Rau hat diesen Aspekt in einer Rede vor dem Forum Bildung bereits vor Jahren hervorgehoben: „Die Begegnung mit den Künsten kann verhindern, dass aus Bildung ein trostloses Fitmachen für wird. Erst das Wohlgefallen ohne alles Interesse, [...] das jenseits von Funktionalität und Brauchbarkeit steht, macht den Menschen zum Menschen. “Kulturelle Bildung ist folglich eine Schlüsselkompetenz für die Kunst des Lebens, und dürfte schon allein aus diesem Grund in keinem Stundenplan fehlen.
Vorhang auf für die Praxis
Von der Theorie in die Berliner Schulwirklichkeit. Hier hat sich in der letzten Zeit einiges in Sachen Kulturelle Bildung getan. Vorbildhaft ist etwa die TUSCH-Initiative, die Theater und Schule verzahnt. Berliner Bühnen vom HAU über das Berliner Ensemble bis zur Staatsoper schließen hier mit je einer Schule kreative dauerhafte Kooperationen, die Aktivitäten im als auch außerhalb des Unterrichts bis hin zu eigenen Aufführungen der beteiligten Schüler beinhalten. Oder die Tänzerin und Choreografin Livia Patrizi, die mit ihrem freien Pilotprojekt „TanzZeit“ Tanzunterricht als Unterrichtsfach anbietet, kann die Nachfrage mit ihren Kapazitäten kaum abdecken.
Die Liste der beispielhaften Initiativen ließe sich fortführen, eines jedoch haben sie gemeinsam: Ihre Existenz verdankt sich engagierten Einzelpersonen in Schulen, in Kulturinstitutionen und in der Verwaltung. Dementsprechend unsicher ist ihre Zukunft – allem Erfolg zum Trotz.
Wenn wir es ernst meinen mit der kulturellen Bildung, dann muss sie das Dauerstadium der Modellversuche und Modellprojekte endlich hinter sich lassen. Mit der weiteren Entwicklung von Ganztagsschulen darf nicht eine Konkurrenzsituation zu Musikschulen oder Jugendkunstschulen um die flexible Nachmittagszeit entstehen. Im Gegenteil: Außerschulische Angebote und schulische kulturelle Angebote und Möglichkeiten sollten verstärkt miteinander in Beziehung treten und der curriculare Unterricht durch Aktivitäten von KünstlerInnen in den Schulen ergänzt werden. Erfolgreiche Vorzeigeaktivitäten aus Berliner Schulen müssen in Kontinuität überführt werden. Und der bestehende musische Unterricht, der in viel zu vielen Schulen nur ein obligatorisches Schattendasein fristet, muss aufgewertet und mit neuem Leben gefüllt werden. Um das zu erreichen, brauchen wir neue Allianzen für Kreativität an Schulen. Bezirke, Bildungs- und Kulturverwaltung müssen über ihren Tellerrand hinausschauen und Hand in Hand arbeiten. Bisher gibt es trotz der zahlreichen Aufforderungen durch den Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses immer noch kein Konzept zur Verzahnung der Aufgaben von Kultur- und Bildungsverwaltung. Für die institutionelle Absicherung braucht es entsprechende Förderprogramme und bei Bedarf eine Veränderung der gesetzlichen Rahmenregelungen. Und natürlich sind auch die kulturellen Institutionen gefordert. Insbesondere die Ganztagsschule bietet ihnen optimale Möglichkeiten, das Publikum von morgen dort abzuholen, wo es steht. Spezielle Angebote für Kinder sind keine lästige Pflichtaufgabe. Da sich die Häuser über ihre gesellschaftliche Relevanz und ihre Nachfrage legitimieren, muss der Dialog mit dem Nachwuchs in ihrem ureigensten Interesse liegen.
DDR-Veranstaltungsreihe "Schön war die Zeit...?"
Veranstaltungsbericht 07.10.09 "DDR-Geschichte- Reif fürs Museum?"



